Margaret Atwood: Der Report der Magd

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„Der Report der Magd“ von Margaret Atwood ist ein Buch von 1985. Ich hatte es vor
Jahrzehnten mal in der Hand und legte es gleich wieder weg, um es nicht zu lesen. Ich dachte
mir: „Das ist so eine perverse Sexphantasie von irgendwelchen Männern.“ Ich hielt es für einen
Porno. So wie das andere Buch, das um dieselbe Zeit herauskam und im Buchladen als
Bestseller gehypt einen ganzen Tisch einnahm. Ich weiß den Titel und Autor nicht mehr und
konnte ihn jetzt auch nicht mehr herausfinden. Es war angeblich der Bericht einer jungen Frau,
die von ihren Nachbarn in den Keller gelockt und dort jahrelang in einem Verlies als Sexsklavin
gefangen gehalten wurde. Die Beschreibung war so detailliert, dass man das Buch als Bau- und
Handlungsanleitung lesen konnte. Noch dazu erzählte das Buch aus Sicht der Täter und ging
an keiner Stelle, die ich aufschlug, auf die Gefühle des Opfers ein. Ich war entsetzt. Mir war
klar, dass ein entsprechend veranlagter Mann sich durch dieses Buch inspiriert fühlen muss.
Leider hatte ich Recht damit. Ich erinnere mich, dass Fritzl in einem seiner ersten Interviews
sagte, er sei damals (1984) durch ein Buch inspiriert worden. Er nannte auch den Titel und ich
dachte sofort: „Das muss genau dieses Buch gewesen sein!“ Aber auch das konnte ich jetzt
nicht mehr online nachprüfen. Natascha Kampusch wurde 1998 entführt, was aber nicht
ausschließt, dass ihr Entführer durch dieselbe oder eine ähnliche Lektüre oder einen Film
inspiriert wurde. Man konnte Priklopil dann ja nicht mehr interviewen. Man sagt ja: „Zuerst
imitiert die Kunst das Leben, und dann imitiert das Leben die Kunst.“ „Der Report der Magd“
ist eine detaillierte Bauanleitung für eine ganze Gesellschaft, in der Frauen keine Rechte
haben.
„Der Report der Magd“ nimmt immerhin die Perspektive von June ein, aber ich finde, dass die
Grausamkeit dieser massiven Frauenunterdrückung nicht ganz rüberkommt. Ich habe Staffel
1 bis 3 der Fernsehserie gesehen. In Staffel 1 richten sich die Frauen innerhalb der perversen
Situation ein, weil schon der kleinste Widerstand brutal bestraft wird. Da heißt es auch:
„Normal ist das, was man gewohnt ist.“ Im Vertrauen auf die menschliche
Anpassungsfähigkeit haben die Macher von Gilead auch extreme Maßnahmen skrupellos
umgesetzt. Darum spielen alle ihre Rolle, obwohl durchaus im Film die einsamen Blicke und
vorsichtigen Bewegungen der Menschen zeigen, dass niemand glücklich ist und alle sich
fürchten, etwas Falsches zu sagen und zu tun.
Aber man könnte die Geschichte auch so interpretieren, dass es für Frauen in Ordnung ist, sich
als Hausfrau zu langweilen, als Hausangestellte (Martha) Brot zu kneten oder als Magd nur
eine Gebärmaschine zu sein. Offensichtlich funktioniert die Wirtschaft und alles andere auch
ohne die Frauen, obwohl die meisten Männer als bewaffnete Sicherheitskräfte die autoritäre
Ordnung aufrecht erhalten und obwohl auch sehr viele Männer und Frauen hingerichtet
werden. Die Verringerung des CO2-Ausstoßes, auf die das neue Land Gilead so stolz ist, dachte
ich mir zynisch, spiegelt eventuell die Reduktion der Bevölkerung durch die vielen
Hinrichtungen wider.
Kurz die Handlung: Die Diktatur Gilead wurde in den USA durch einen Staatsstreich gegründet
unter dem Vorwand, aktuelle Probleme wie Umweltverschmutzung, Sittenverfall und
Geburtenrückgang zu lösen. Leider gehören zu den durchzusetzenden Sitten auch eine
alttestamentliche Vorstellung von der Frau als Dienerin und Besitz eines Mannes.
Gesellschaftliche Schichten und Rollen werden streng definiert und brutal durchgesetzt. Durch
genormte Kleidung, Namen und Redewendungen werden die Menschen deindividualisiert.
Die Erzählerin heißt nun „Desfred“, Kurzform von „Magd des Fred“. Sie wurde beim
Fluchtversuch nach Kanada erwischt, von ihrer Tochter und ihrem Mann getrennt, zur Magd
ausgebildet und zur Leihmutterschaft gezwungen. Anfangs denkt sie noch: „Ich will keine
Orangen. Ich will schreien.“ Mit der Zeit muckt sie immer weniger auf, auch wenn sie das eine
oder andere Verbotene tut, das mit dem Tod bestraft werden könnte. Als sie am Ende
verhaftet wird, weiß man weder wieso noch ob sie nun hingerichtet oder vielleicht von einem
der Männer, die sie lieben, gerettet wird. Sie sagt über sich selbst, dass sie für die Liebe lebt.
Als sie ihrem Ehemann, der inzwischen nach Kanada geflohen ist, schreibt, dass sie ihn nicht
mehr liebt, weiß man nicht, ob sie ihn damit nur schützen will, sich tatsächlich in ihrer
perversen Situation eingelebt hat oder sich zu beschmutzt fühlt. Sie sagt auch: „Ich habe
versucht, die Welt etwas besser zu machen.“ Ja, das hat sie. Allerdings hat sie damit fast gar
nichts erreicht und doch ihr Leben riskiert und vermutlich verloren. So hoffnungslos ist Gilead.
Diese ganze Welt ist hochgradig dystopisch mit den gleich gekleideten Menschen, Erhängten
und Bewaffneten in den Straßen. Jeder könnte ein Spitzel sein. Jede Freundlichkeit ist
vielleicht eine Falle. Ein bezeichnendes Detail ist, dass Desfred beim Arzt mit dem Namen ihrer
Besitzer aufgerufen wird: Waterford. Angeblich ist das Leben in Gilead besser als zuvor, nur
für wenige schlechter. Aber wenn man sich das so ansieht, ist es nun eine sehr kleine Elite von
hochrangigen Männern, deren Leben sich verbessert hat, aber auch die müssen sehr vorsichtig
sein und tun sich schwer damit, alle Regeln einzuhalten. Wenige Dystopien haben mich mehr
bedrückt. Dabei stehen alle Häuser noch und es gibt auch Lebensmittel und Autos. Aber
gerade diese äußerliche Normalität macht die Perversion innerhalb der Häuser noch
abstruser. Mehrmals fiel mir auf, dass die Geschichte noch vollkommen ohne
Überwachungskameras und -mikrophone stattfindet, und mit diesen Technologien wäre
keines der subversiven Gespräche, kein Scrabble-Spiel und kein ungenehmigter Sex möglich.

Staffel 2 und 3 der Serie „Der Report der Magd“ tat ich mir auch noch an. Allerdings muss ich
sagen, dass sich die Handlung ziemlich hinschleppte. Die schon bekannten Grausamkeiten
wiederholen sich. June schafft es, nach und nach ein Netzwerk von Personen aufzubauen, die
sie unterstützen. Sie entwickelt sich nicht nur zur Anführerin der Mädge, sondern bringt auch
die Marthas zusammen. Nur fand ich es immer unglaubwürdiger, dass stets nur die anderen
hingerichtet werden, aber niemals June. Und warum die anderen immer noch mit ihr
zusammenarbeiten, obwohl das offensichtlich ungesund ist. Es war noch nachzuvollziehen,
dass sie anfangs der zweiten Staffel als Schwangere praktisch tabu ist. Ich erwartete aber sicher, dass sie nach der Geburt nicht mehr lange zu leben habe. Falsch gedacht. Ich fand ihre
Manipulationsspielchen nicht so raffiniert, und in einer Gesellschaft wie Gilead sollten die
Menschen eigentlich misstrauischer sein. Stattdessen sind zahlreiche Männer in June verliebt
und riskieren für sie ihr Leben, die meisten Frauen vertrauen ihr.
Zwischendurch kam bei mir erneut die Frage auf, ob die Geschichte nicht doch eine Art Macho-
Sexphantasie ist. Die Frauen gewöhnen sich an die neuen Lebensbedingungen und viele
bekräftigen auch, dass die Berufstätigkeit ihnen zu stressig war und sie froh sind, davon befreit
worden zu sein. Auch der erzwungene Geschlechtsverkehr scheint so schlimm nicht zu sein.
Ich fragte mich sogar, warum man die Kinder der Mägde retten müsse, denn schließlich
werden sie von ihren Adoptiveltern sehr geliebt. Es geht June wohl eher darum, Gilead an
seiner empfindlichsten Stelle zu treffen. Diese ganze perverse pseudoreligiöse Gesellschaft
scheint ja nur dafür geschaffen worden zu sein, um möglichst viele Kinder zu produzieren.
Müssen sie ja auch, wenn man sieht, wie durch Massenhinrichtungen die Bevölkerungszahl
reduziert wird. Die Vergebung von Sünden scheint es nur für gebärfähige Frauen zu geben. Bei
denen wird einfach ein Körperteil verstümmelt, der für die Geburt unnötig ist. Alle anderen
Menschen werden schon für kleine Vergehen getötet. Ich hätte gehofft, dass in den
Folgestaffeln der Blick geweitet wird und weitere Aspekte von Gileads Kultur dargestellt
würden wie Politik, Macht, Lebensmittelproduktion, Umweltschutz, Einstellung zu modernen
Technologien. Diese werden nur hin und wieder mit einem Nebensatz berührt.
June entwickelt sich immer mehr zur Psychopathin, die andere nur benutzt. Dabei geht es
schon lange nicht mehr ums reine Überleben, sondern um Rache.
Insgesamt haben die Filme wenig Spaß gemacht. Die Stimmung war sogar noch bedrückender
als in „Games of Thrones“, eher wie 1984. Gut gefallen hat mir der Spruch: „Männer haben
Angst, dass Frauen über sie lachen. Frauen haben Angst, dass Männer sie umbringen.“
Optisch fand ich den Film sehr ansprechend gemacht. Jede Farbe hat eine Bedeutung. Sehr
vieles wird filmisch ausgedrückt, ohne oder mit wenig Worten. Viele Filmeinstellungen könnte
man sich als Poster an die Wand hängen. Zumeist als Warnung. Wie ich neulich wo gelesen
habe: „Manches Kunstwerk, das als Warnung gedacht war, wurde als Anleitung
missverstanden.“ Der Report der Magd könnte so eine Anleitung sein. Ich habe neulich eine
Veröffentlichung der Trump-Regierung gelesen, die angeblich Frauen schützen will und aus
Gilead stammen könnte. Ich schätze, ich werde dann Martha. Zum Glück kann ich kochen. Alle
anderen Frauenjobs in Gilead gehen gar nicht für mich!

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