Christoffer Theis: Das Tor in die Zeit: Die Maschine
Was wäre, wenn Zeitreisen möglich wären? Dann könnte man die Vergangenheit verändern.
Dann gäbe es Paralleluniversen. Aber auch Zeitreiseparadoxa. Man könnte mit Zeitreisen eine
Menge erklären wie plötzliche technische Fortschritte und auffällige Kenntnisse der
Geheimdienste, aber auch Ufos und Begegnungen der dritten Art: Das Zeitportal öffnet sich
sicherheitshalber erst am Himmel und wird dann vorsichtig auf Erdbodenhöhe gesenkt, damit
die Chrononauten sicher aussteigen können. Das sieht dann aus wie die Landung eines
leuchtenden runden Flugkörpers. Und wenn dann ein Schimpanse im Schutzanzug und mit
Nachtsichtbrille aussteigt, sieht er aus wie die gängigen Bilder eines Aliens!
Eigentlich versucht die Regierung ja, die Zeitmaschine geheim zu halten. In der Vergangenheit
landen, Bodenproben nehmen, keinerlei Kontakt und vor allem nicht die Geschichte ändern.
Dabei kann doch schon der Flügelschlag eines Schmetterlings alles verändern. Wie sollte man
ein Zeitreiseportal nachts in bewohntem Gebiet aufleuchten lassen, ohne Aufsehen zu
erregen? Tja, so viel zur Geheimhaltung! Dabei wurde zehn Jahre lang unterirdisch unter
höchster Geheimhaltung geforscht und experimentiert. Jeder Mitarbeiter weiß nur so viel wie
er oder sie zu wissen braucht.
Die Ideen in diesem Roman finde ich sehr interessant. Das Nachdenken über
Zeitreiseparadoxa ist nicht neu, macht aber immer wieder Spaß. Man bekommt dabei so
schön einen Knoten ins Gehirn! Ein paar Beispiele:
* Jemand reist mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit und tut dort etwas, das
verhindert, dass die Zeitmaschine gebaut wird. Das führt nicht nur dazu, dass er in
seine Zeit nicht mehr zurückkehren kann, sondern auch seine Hinreise in die
Vergangenheit kann nicht stattfinden. Andererseits wurde die Maschine ja
offensichtlich gebaut, sonst wäre er nicht hier. Ergo wird er den Bau nicht verhindert
haben können. (Terry Pratchett schlug übrigens mal vor, dass man für Zeitreisen neue
Verbformen erfinden müsse, also die Grammatik erweitern.)
* Kann man überhaupt die Zeitlinie beschädigen? Falls die Zeitreisenden irgendwie die
Vergangenheit verändern, ist es ja schon geschehen in dem Moment, wo die Zeitreise
startet.
* Das Großvater-Paradoxon umgekehrt: „Könnte der Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater überhaupt
durch ein Portal einer Maschine schreiten, die sein Nachfahre bauen würde, wenn es ihn überhaupt nicht gibt?“ Weil nämlich besagter Vorfahr versehentlich durch das
Portal die Vergangenheit verlässt, bevor er die Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter des
Mitarbeiters getroffen hat.
* Wenn wir in der Vergangenheit etwas ändern und damit ein Paralleluniversum
erschaffen, ändert sich die Vergangenheit der Menschen. Sie können sich dann aber
nicht mehr an die Ursprungsversion erinnern.
* Kann man mit Hilfe von Zeitungsberichten herausfinden, wie es einem Zeitreisenden
in der Vergangenheit ergehen wird und ob seine Mission gelingt?
* „Könnte das Militär den Lauf der Geschichte beeinflussen? Hat das Militär schon den
Lauf der Geschichte beeinflusst?“
* Würde das Auslösen eines der Zeitreiseparadoxa das Universum zerstören?
Schade finde ich, dass die Personen steif wirken, weil sie unter Geheimhaltung, Überwachung
und Leistungsdruck arbeiten. Sie dürfen einander nichts erzählen oder vertrauen. Der Autor
hat jeder Person ihre eigene Persönlichkeit gegeben: Hermann, der theoretische Physiker und
Bücherwurm, Viktor, der Jäger und Hacker, die militante Tierschützerin und -trainerin
Elisabeth, der superintelligente und superarrogante David, der Naturfreund Jim, die
Bücherliebhaberin Barbara, die alles über Aliens und Ufos gesammelt hat.
Man kann das Buch auch lesen, wenn man kein Wissenschaftler ist. Das Fachsimpeln geht
nicht zu tief in die Physik hinein. Der Autor selbst ist Ägyptologe. An der einen oder anderen
Stelle hätte ich mir mehr Präzision gewünscht: Bei der Beschreibung eines Virus, der zuerst
dem Hacker Viktor Zugriff auf ein System gibt und anschließend seine Spuren verwischt,
werden drei Kategorien von Malware miteinander vermischt. Auch der Satz „Die Hypothese
weist eine überraschend geringe Fehlerquote auf“ passt in diesem Kontext nicht so recht, weil
hier weder ein quantitativer Hypothesentest noch eine Klassifikation durchgeführt wurde.
Und wenn man einem Zeitreisenden eine Pistole mitgibt, müsste er doch auch gebrieft
worden sein, wann er sie einsetzen darf, so dass er nicht in Panik spontan selbst entscheiden
muss. Glaubwürdig finde ich aber die zahlreichen Pannen bei den Zeitreisen: Einflüsse von
Sonnenstürmen oder ein defektes Bauteil. Beim Zeitreisen muss schließlich hochpräzise
gearbeitet werden!
Es handelt sich um den ersten Band einer Serie. Darum endet er auch mit einem Cliffhanger.
Nachdem zuerst Obst in die Vergangenheit transportiert wurde und dann Schimpansen, wird
zuletzt Physiker Hermann in die Vergangenheit geschickt. Als die Dinge schief zu laufen
beginnen, fragt er sich panisch, ob man ausgerechnet ihn ausgewählt habe, weil man bei der
DNA-Analyse einer vor 300.000 Jahren vergrabenen Leiche ihn identifiziert hatte. Da musste
ich schmunzeln. Im nächsten Band warten sicher noch neue Erkenntnisse auf uns. Schließlich
wurde schon angedeutet, dass die eine oder andere verwendete Technologie aus der Zukunft
stammen könnte oder sogar einer der beteiligten Forscher. Ich sehe auch Hinweise darauf,
dass die Buchfiguren sich anders an die Vergangenheit erinnern als die Leserin. Was bedeutet:
Die Zeitlinie wurde bereits gestört oder wird gestört werden.
Den Einband des Taschenbuchs finde ich sehr stimmungsvoll mit dem leuchtenden Portal und
den verschwommenen Schatten und Lichtern im Nachtblau. Er fühlt sich irgendwie samtig an.
Christoffer Theis: Das Tor in die Zeit: Die Maschine
Taschenbuch 2026, 339 Seiten
ISBN 9798248625895, Erhältlich bei Amazon