Walter Moers: Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte
Zwanzig zamonische Flabeln findet man in Walter Moers Buch „Das Einhörnchen, das
rückwärts leben wollte“. Die Silbe „rück“ müsste ich spiegelverkehrt setzen, aber stellen Sie es
sich einfach vor. Zamonien kennen Sie hoffentlich schon. Das ist das Land mit den vielen
wunderlichen Lebensformen, von denen wir viel Sinnloses lernen können. Die Flabeln sind so
konstruiert, dass am Ende garantiert keine nützliche Moral dabei herauskommt. Zielsicher
lässt Moers seine Figuren in Fettnäpfchen und Fallen tappen. Beispielsweise wenn der
hinterhältige Skorpion und der soziale Biber aufeinander treffen. In Zamonien gilt auch nicht
der „Triumph des Wollens“ bzw. „Wenn man etwas träumen kann, dann kann man es auch
erreichen!“ Gut gefallen hat mir auch der Wal mit Fischvergiftung, die Kastagnettenkastanie,
die Gruselsackfolklore, der Steuererklärungsfriseur oder die Flanierschildkröte, mit der man
zur Entschleunigung spazieren gehen kann. Illustriert wird das Kunstwerk mit zahlreichen
gezeichneten Schwarz-Weiß-Porträts der Helden und Heldinnen.
Besonders schön fand ich auch die angeblichen Anmerkungen des Übersetzers: „Einem
Übersetzer bereitet literarischer Humor weniger Vergnügen als Arbeit. Der Unterschied
zwischen einem ernsten und einem komischen Text ist wie der zwischen Sprechen und Singen
oder zwischen Gehen und Tanzen: Das eine kann eigentlich jeder, das andere erfordert Talent
und Routine. Für die Übertragung bedeutet dies: Raffinierte Wortspiele wollen adäquat
übersetzt, witzige Namen neu erfunden, ein komischer Prosatakt muss mit metronomischer
Genauigkeit gehalten werden. An Dialogen muss man endlos feilen, Pointen wollen haargenau
sitzen – und so weiter. Bei einem komikfreien Text spielt die Sprachmelodie keine bedeutende
Rolle, aber bei einem komischen sollte jeder Vokal an der richtigen Stelle sitzen.
Eine Grabrede musss nicht unbedingt Weinkrämpfe auslösen, aber wenn bei einem
humoristischen Vortrag die Lacher ausbleiben, dann ist das eine Katastrophe. Humor ist ein
ernstes Geschäft.“