Norbert Sternmut: Schattensprung

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Der Lyrikband „Schattensprung“ von Norbert Sternmut ist kein gefälliges Werk, das sich selbst
erklärt. Es verlangt vielmehr ein tastendes Lesen, ein Verharren an Bruchstellen und
Wortkreationen, ein Aushalten von offen bleibenden Fragen: Was will er mir sagen? Und
genau darin liegt das durchgängige poetische Programm. Bilder wie „versickernde Oasen“,
Wortstaub in der Wüste, „blutunterlaufene Schweigeminuten“, gepanzerte Worte oder das
„Funkloch“ visualisieren diese Erfahrung von Kommunikationsabbruch und
Bedeutungsverlust greifbar. Überall lauern Blindgänger im Gras.
Die meisten Texte scheinen Landschaftsbeschreibungen zu sein, dann aber wiederum auch
nicht. Dinge werden vermenschlicht und darum scheinen auch Bäume und Steine nur ein
Spiegel innerer Zustände zu sein. Sternmut entwirft unwegsame Landschaften, keine Idyllen.
Brücken, Wasserspiegel, Horizonte, Grünstreifen, verhakte Kreuze und Gestrüpp erscheinen
eher als fragile Übergangszonen denn als stabile Orte. Sie sind Schwellenräume, oft
unwegsam, manchmal regelrecht vermint – nicht zufällig taucht das Bild des Blindgängers auf.
Man bewegt sich lesend durch diese Gedichte wie durch ein Gelände, das jederzeit kippen
kann. Leseprobe:


    Gleichzeit
    Die einen mit Freude am See,
    auf der Sonnenseite, vergnüglich,
    während die anderen versinken
    im Schlamm, die einen mit Liebe
    im Lustgarten, wie im Paradies,
    die anderen im Schützengraben
    in Todesangst mit blutenden
    Wunden, schwer mit Bleigewichten
    beschwert, im Bombenhagel
    ohne Rücksicht auf Verluste
    in den Müll geworfen, ausgesetzt
    an der brennenden Frontlinie,
    in Blut getaucht, die anderen
    mit einem Lächeln im Gesicht,
    im Land, am Strand, in geordneten
    Verhältnissen, der Leichtigkeit
    der Zeit auf der einen Seite.


Die 85 Gedichte reihen sich als lose Impressionen nicht zu einer klaren Entwicklung, sondern
bilden ein Kaleidoskop von Stimmungen und Botschaften. Dabei oszilliert der Band zwischen
Schönheit und Hässlichkeit. Es gibt Momente von fast zarter Sinnlichkeit, die jedoch sofort
wieder gebrochen werden. Der „Lichthunger“ treibt die Verse an, doch das Licht bleibt
flüchtig, überlagert von einer Bilderflut, die weniger erhellt als vielmehr überfordert. Diese Gleichzeit von ästhetischer Anziehung und Abstoßung erzeugt eine eigentümlich statische Spannung.
So bleibt Schattensprung ein ambivalentes Leseerlebnis. Es ist ein Buch, das eher Fragen stellt
als Antworten gibt, das seine Leser in ein Funkloch der Gewissheiten führt. Wer bereit ist, sich
auf diese Unwegsamkeit einzulassen, wird in den dichten, manchmal spröden Bildern eine
eigentümliche, dunkle Schönheit entdecken – eine Schönheit, die gerade aus ihrer Nähe zur
Hässlichkeit ihre Kraft bezieht.


Norbert Sternmut: Schattensprung
Geest-Verlag 2025, 14 Euro
Taschenbuch, 144 Seiten
ISBN 978-3-69064-531-7

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